Corona – Ein paar Gedanken…

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Mach mal Pause

Ich muss zugeben, dass ich anfangs auch die Situation unterschätzt habe. Ich war Anfang des Monats noch auf verschiedenen Veranstaltungen des Photo.Spectrums in Marburg und machte mir keinerlei Gedanken um etwaige Auswirkungen meines Handelns. War das egoistisch? Vielleicht. Aus heutiger Sicht auf jeden Fall, hinterher ist man eben immer schlauer.

Ich habe meine Leichtsinnigkeit eingesehen.

Was mich nervt:

  • Verschwörungstheorien

Es gibt da draußen immer noch Menschen, die es offenbar nicht verstehen oder verstehen wollen und das nervt mich ehrlich gesagt. Mich haben die absurdesten Thesen erreicht:
Von der Tatsache, dass 5G Testversuche schuld am Tod der ersten Opfer waren, bis hin zu der Behauptung, dass es GAR KEINE Viren gibt und die kommenden Zwangsimpfungen die Menschheit auslöschen sollen.

Ich bin ein sehr toleranter Mensch und ich versuche wirklich, niemandem seine Meinung abzusprechen. Aber ich finde es traurig, dass offenbar in Teilen unserer Bevölkerung so wenig Vertrauen in unsere Institutionen gesetzt wird.
Glücklicherweise scheinen die Fake News aber etwas abzuebben.

  • Politikverdrossene Besserwisser

Es gibt Leute in meinem Umfeld, die offenbar immer noch alles besser wissen, als die Politik. Menschen, die Jens Spahn immer noch dafür verurteilen, dass er anfangs gesagt hat, dass wir gut aufgestellt sind, wenn uns das Virus erreicht. Das sind wir nicht. Klar, die Aussage war mehr als fragwürdig.
Wie gesagt, ich bin ein sehr toleranter Mensch, aber wenn (Achtung Stereotyp) der klassische Bildzeitungsleser bei seinem Feierabendbier von der Inkompetenz der Politik spricht, komme ich tatsächlich an meine Toleranzgrenze.

NIEMAND von uns kann sich vorstellen, unter was für einem Druck unsere Politiker gerade stehen. Wie vermessen ist es eigentlich, sich hinzustellen und über „die da oben“ zu urteilen?
„Die da oben“ haben gerade einen nicht unwichtigeren Job als jeder, der im Gesundheitswesen arbeitet, oder uns mit Waren für das tägliche Leben versorgt.

Und in meinen Augen der wichtigste Job – gerade in Zeiten wie diesen – ist es, Unsicherheit und Panik zu vermeiden. Vielleicht war das Spahns Intention, als er sagte, dass wir gut vorbereitet seien? Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal. Es ist vergangen. In einer Zeit wie dieser bringt es aus meiner Sicht nichts, wenn wir Menschen nach dem beurteilen, was sie letzte Woche gesagt haben. Natürlich wünscht man sich von der Politik Entscheidungen, die auch einen gewissen Zeitraum Bestand haben. Aber das ist in Zeiten, in denen sich die Informationslage stündlich ändert, kaum machbar.
Unsere Volksvertreter müssen tagtäglich viele Entscheidungen treffen, die im Nachgang massiven Einfluss auf den Werdegang unseres Landes haben.

Deshalb sage ich an dieser Stelle auch mal Danke. Danke an die Menschen in unserer Regierung, dass sie jeden Tag aufstehen mit dem Wissen, Entscheidungen treffen zu müssen, vor denen ein Großteil von uns – mich eingeschlossen – einfach davonlaufen würde.

Was ich toll finde:

  • In Zeiten wie diesen zeigen Menschen ihr wahres Gesicht.

Man erkennt sofort, wer nur Augenwischerei betreibt oder wirklich einen Teil zur Problemlösung beiträgt. Ich persönlich habe gerade in den vergangenen Tagen gelernt, mein Umfeld und meine Mitmenschen intensiv zu prüfen und vor allem mich selbst bei allem was ich tue noch kritischer zu hinterfragen und mir die Frage zu stellen: Bin ich gerade Teil der Lösung oder Teil des Problems?

  • Wir erkennen die Notwenigkeit von Menschen, die wirklich systemrelevant sind.

Endlich bekommen Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern, ja selbst so „banale“ Berufe wie sie die Leute ausüben, die im Supermarkt an der Kasse sitzen oder Regale auffüllen, die Wertschätzung und Anerkennung, die sie verdienen. Wir werden wach.

  • Wir können unsere Werte überdenken.

Wir haben die Chance, uns neu zu justieren und unsere Kurse zu korrigieren. Machen wir so weiter wie bisher oder steuern wir aktiv dagegen? Die Natur hat uns einen Dämpfer verpasst. Bei all den schlimmen Zuständen, die in der Welt wie z.B. gerade in Italien und Spanien vorherrschen, sollten wir uns vielleicht auch mal die Kehrseite der Medaille anschauen:

Wir sehen die positiven Auswirkungen der Pandemie schon jetzt mehr als deutlich. Delfine in Triest kommen zurück bis in den Hafen, weil keine Schiffe mehr fahren. In den Kanälen von Venedig sieht man wieder die Fische, weil das Wasser jetzt kristallklar ist. Die Luft ist vielerorts so sauber wie seit Jahren nicht mehr.

Offenbar können wir, wenn wir wollen. Wir wollten nur nie.

  • Der politische Zusammenhalt wächst.

Ich finde es grossartig, wie die Politik parteiübergreifend zusammenhält und Lösungen erarbeitet. Ich bin wahrlich kein Fan der CDU und bin mit vielen Dingen in unserem System nicht einverstanden. Aber darum geht es doch auch gar nicht. Wir haben gerade ein Problem, dass größer ist, als der persönliche Unmut gegen manchen Politiker.

Angela Merkels Rede gat mich schwer beeindruckt. Diese Worte waren mehr als notwendig, um etwas Hoffnung und Zuversicht zu säen.

  • Die Menschen werden kreativ.

Auf was für tolle Ideen die Leute kommen, begeistert mich. Plötzlich sucht man nicht mehr „typisch deutsch“ nach Gründen, warum etwas nicht funktionieren kann. Man sucht nach Methoden, Dinge am Laufen zu halten.

Es gibt Restaurants, die plötzlich Essen zum Abholen anbieten. Man muss zum Teil sein eigenes Geschirr mitbringen. Das wäre in „normalen Zeiten“ ein NoGo gewesen. Plötzlich kann es funktionieren. Wenn wir wollen.

Was wollen wir?

Wir haben hier eine Situation, die jedem einzelnen von uns eine ganze Menge abverlangt. Ich habe Menschen von kriegsähnlichen Zuständen sprechen hören. Von einem Krieg gegen einen Feind, den man nicht sehen kann. Auf der einen Seite halte ich das für etwas übertrieben, auf der anderen Seite sehe ich schon Parallelen. Es ist auf jeden Fall eine Situation, die uns an unsere Grenzen bringen wird und uns zwingen wird, uns intensiver mit uns auseinanderzusetzen.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder einzelne etwas in dieser Situation tun kann und Teil der Lösung sein kann. Wenn er will.

Auch die großen Unternehmen wie z.B. Netflix tragen ihren Teil dazu bei. Der Streamingdienst hat die Übertragungsrate gedrosselt, um das Internet in dieser Zeit zu entlasten. Das mag vielen vielleicht vorkommen, wie ein Tropfen auf den heißen Stein, aber  häufig sind es die kleinen Dinge, die den Unterschied machen.

Für mich als introvertierte Person ist es schwer, über die Straße zur Nachbarin zu gehen und ihr anzubieten, ihr beim nächsten Einkauf etwas mitzubringen. Aber es geht. Auch wenn es schwer ist.
An solchen kleinen Dingen wachsen wir als Gesellschaft zusammen. Und zusammen sind wir stark.

Ich glaube, dass es in Zeiten wie diesen wichtiger denn je ist, Aufgaben zu übernehmen, die wir unter normalen Umständen vielleicht nicht übernehmen würden. Wir können als Gesellschaft näher zusammenrücken, wenn wir uns darauf einlassen, unsere Gewohnheiten ändern und uns mit Dingen beschäftigen, die uns nie interessiert haben, aber plötzlich Bedeutung bekommen. Jeder von uns kann etwas tun.

Ältere Menschen fragen plötzlich nach Tablets und setzen sich mit der Digitalisierung auseinander. Plötzlich ist Videotelefonie nicht mehr unnötige Spielerei sondern wir merken, wie sie das Leben lebenswerter macht.

Auf der anderen Seite ist vielleicht der junge Hedgefond Manager gezwungen, sein Leben etwas einzuschränken und entdeckt deshalb plötzlich lange Waldspaziergänge für sich und nimmt das erste Mal die Natur wirklich wahr.
Wir haben alle die Mögichkeit, unsere Werte zu überdenkenken, die Scheuklappen abzunehmen und „die andere Seite“ kennen zu lernen. Wenn wir wollen.

Ich glaube, dass der Crash die Lösung ist. Wir Menschen haben schon immer auf die harte Tour gelernt. Und wenn wir wollen, gehen wir gestärkt und mit einem positiveren Mindset aus der Sache heraus. Ich will hier nichts beschönigen. Wir werden alle die wirtschaftlichen Auswirkungen zu spüren bekommen, wenn das nicht schon geschehen ist.

Es werden Unternehmen untergehen, das muss uns klar sein. Auch wenn die Regierung alles tut, um das Schlimmste zu verhindern.
Ich selbst arbeite in einem kleinen Zwei Mann-Handwerksbetrieb, der ganz klar existenziell bedroht ist. Aber ich denke auch, dass wir eine Chance haben.

Ich weiß, dass es schwierig ist, aber ich glaube, dass es einfacher für jeden von uns ist, wenn wir uns auf die positiven Dinge konzentrieren und unser Handeln danach ausrichten.

Die Welt wird nach dieser Geschichte eine andere sein. Und wenn wir wollen, eine bessere.
Bitte bleibt gesund und wenn es geht, zu Hause.

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