Bock auf Veränderung: Mein Wechsel zu Fujifilm

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Fujifilm XH-1

Ich habe es getan: Nach vielen Jahren der Fotografie mit Canon habe ich einen Systemwechsel gewagt und mir eine Fujifilm XH-1 gekauft. Dies ist nicht der erste Systemwechsel für mich, aber dieses Mal passiert etwas mit mir.

Ich habe nun schon seit einigen Jahren mit Canon fotografiert und fand das System auch immer gut. In meinem letzten Kamera-Artikel habe ich ja schon darauf hingewiesen, dass ich trotzdem sehr neugierig bin und immer wieder über den Tellerrand schauen möchte.

Schon vor dem letzten Kameraumstieg in 2017 habe ich mal ins Sony- und Fuji-Lager geschaut. Wenn ich jetzt zurückblicke, fällt mir aber doch auf, dass ich die Systeme vielleicht etwas einseitig beleuchtet habe. Meine Neugier hat mich aber dazu veranlasst, mich nun intensiver mit der Materie zu beschäftigen.

Mein Denkfehler

Ich bin immer bemüht, Vorurteile abzubauen und nicht in Schubladen zu denken. Hier habe ich mich allerdings genau dabei ertappt.

Es gibt eine Menge Sony Fotografen da draußen, die mich auch davon überzeugen wollten, dass die neuen Alphas die besten Kameras sind. Ein guter Freund besitzt eine Alpha 7S und natürlich habe ich sie mir mal genauer angeschaut. Ich muss aber gleich dazu sagen, dass es gar nicht zu einem wirklichen Test der Kamera kam. Ich habe sie in die Hand genommen und es kam einfach nichts rüber. In meinen Händen fühlen sich Sony Kameras einfach kalt an.

Fujifilm XH1

Die Fuji XH-1 auf dem Stativ in freier Wildbahn

Liebe Sony Fotografen: Bitte seht es mir nach, das ist eine persönliche Meinung! Die Kameras machen geile Bilder – keine Frage – aber ICH würde damit keine geilen Bilder machen, weil sie sich für mich einfach wie ein Fremdkörper anfühlen.

Durch diese Negativ-Erfahrung habe ich den Denkfehler gemacht, dass ich alle spiegellosen Kameras von der Seite her betrachtet habe. Rückblickend natürlich Quatsch.
Ein weiterer Punkt war immer die Größe der Kameras. Ich habe viele Menschen in meinem Umfeld, die schon auf Fuji umgestiegen sind oder es zumindest als Zweitsystem nutzen. Vielleicht habe ich das System auch deswegen ein wenig aus den Augen verloren, weil – gerade in meinem fotografischen Umfeld – so viele Fuji-Fotografen immer davon schwärmen wie schön klein die Kameras sind.

Ich will keine kleine Kamera! Ich brauche beim Fotografieren was in der Hand und in meinem Kopf waren die spiegellosen Systeme immer alle (auch Fuji) auf der Retro-Schiene.
Ich habe eine Zeit lang sogar mit der XT-2 geliebäugelt. Ich hätte dann aber zusätzlich irgendeinen Griff gebraucht, der den Body für mich handhabbar gemacht hätte. Das wäre wahrscheinlich auch irgendwie möglich gewesen, aber auch eine Krückenlösung.

Die XT-2 war jedoch der Ausschlag, mich näher mit dem Fuji-System zu beschäftigen und meine Meinung zu überdenken. Es gibt nämlich einige Vorteile, die man nicht außer Acht lassen sollte.

Die Vorteile

Der Blendenring am Objektiv

Sämtliche Fuji-Objektive für das X-Bajonett haben einen Blendenring verbaut. Obwohl ich nie ernsthaft analog fotografiert habe, habe ich in der Vergangenheit schon ein paar manuelle Linsen gehabt und fand den Blendenring immer schön. Es fühlt sich für mich natürlicher an, so zu fotografieren.

Fujifilm XH-1

Der Blendenring am 23mm f/2.0 Objektiv

Focus Peaking

Viele spiegellose Systeme bieten das sogenannte Focus Peaking an und erleichtern dadurch das scharf stellen bei manuellen Linsen.
Wenn ich zu DSLR Zeiten manuell scharf stellen wollte, ging das eigentlich nur mit der Displaylupe. Also kamen für mich diese Objektive nur auf dem Stativ zum Einsatz. Durch das Focus Peaking kann ich jetzt auch relativ gut scharf stellen, wenn ich „aus der Hand“ fotografiere.

Bei meiner EOS 60D hatte ich durch Magic Lantern noch Focus Peaking, natürlich nur im Live View, bei der 80D fiel das allerdings komplett weg.
Durch einen optischen Sucher bei einer heutigen DSLR manuell scharf zu stellen, halte ich für nahezu unmöglich. Es mag Leute geben, die das können – ich kann es nicht.
Was uns zum nächsten Vorteil bringt:

Der elektronische Sucher

Einer der größten Vorteile dürfte sicherlich der EVF (Electric View Finder) sein. Ich sehe das fertige Bild im Sucher, bevor ich abdrücke. Auch zu Spiegelreflexzeiten habe ich diese Funktion verwendet. Und zwar sehr häufig. Auf dem Stativ war praktisch immer der Live View aktiviert, der ja praktisch nichts anderes macht. Es ist jedoch ein enormer Shift, sich im prallen Sonnenlicht alle Informationen einschließlich Histogramm im Sucher einblenden lassen zu können. Ich produziere so viel weniger Ausschuss, weil ich die Lichtsituationen einfach viel besser einschätzen kann.

Rädchen und Knöpfe

Der größte Vorteil liegt in meinen Augen in den vielen Rädchen und Einstellmöglichkeiten – auch der Blendenring fällt in diese Kategorie.

Fujifilm XH-1

Das Einstellrädchen für die Belichtungszeit

Ich arbeite viel wechselnd vom Stativ und Freihand. Auf dem Stativ fotografiere ich ausschließlich im manuellen Modus, Freihand greife ich meistens auf die Blendenautomatik zurück. Bei Canon musste ich in dem Fall immer das Programm ändern. Bei Fuji gibt es keine „Programme“ im eigentlichen Sinn, es gibt für alle Parameter Einstellrädchen, die ich auch auf „Auto“ stellen kann.
Ich kann also in jeder Situation in Sekunden(bruchteilen) einen Parameter ändern, ohne erst einen Programmwechsel machen zu müssen und habe jederzeit die volle Kontrolle.

Jedoch ist keine Kamera oder kein System ist die eierlegende Wollmilchsau. Wie überall wo Licht ist, gibt es auch Schatten.

Die Nachteile

Der Akkuverbrauch

Wie bei allen spiegellosen Kameras ist der Stromverbrauch höher als bei DSLRs. Und zwar viel höher. Mittlerweile besitze ich zu meiner XH-1 fünf Akkus, die ich auch brauche. Es mag Leute geben, die mit weniger auskommen. Aber wenn ich auf Fototour gehe, ist die Kamera immer an. Das zieht natürlich Strom, ist aber auch weitestgehend eine Sache der Planung 😉

Die Fokusgeschwindigkeit

Bei meinen Recherchen im Vorfeld bin ich ein paar Mal darüber gestolpert, dass die XH-1 wie viele andere spiegellose Kameras etwas langsamer beim Fokussieren ist, als vergleichbare DSLR Bodies. Ich habe es nicht gemessen, aber gefühlt spüre ich keinen Unterschied. Es mag sein, dass man das in der Sportfotografie merkt, da das aber ohnehin nicht mein Hauptgenre ist, stehen Tests in dem Bereich noch aus.

Fujifilm XH-1

Mit der XH-1 auf Lost Place Tour

Der Touchscreen

Nachdem ich von der Canon EOS 60D auf die 80D gewechselt bin, wollte ich den Touchscreen nicht mehr missen. Da hat Canon wirklich super abgeliefert. Und wenn man diesen Standard gewohnt ist, ist der Bildschirm der XH-1 nahezu Schrott.
Ich navigiere größtenteils über die Tasten, ertappe mich aber immer wieder, wie ich z.B. in der Bildbetrachtung ein Bild aufzoomen möchte und mich ärgere, weil es ruckelt oder hakt.
Hier ist definitiv noch Luft nach oben

Zum Schluss noch ein Nachteil, der eigentlich keiner ist:

Der fehlende Spiegelschlag

Eins der Argumente für die DSLRs war für mich immer der Spiegelschlag. Der gehörte einfach dazu, ich brauchte immer eine „Rückmeldung der Kamera“. Es ist erstaunlich, wie schnell ich mich an die leise XH-1 gewöhnt habe. Kürzlich bin ich sogar richtig erschrocken, als auf einer Ausstellung ein anderer Fotograf mit seiner Nikon „losgepoltert“ ist.
Ich verstehe durchaus die Fotografen, die das brauchen. Ich wundere mich aber gerade über ich selbst, wie schnell ich mich an meine leise Kamera gewöhnt habe.

Was sich für mich geändert hat

Dass ich diese Kamera gekauft habe, war keine Entscheidung, die ich über Nacht getroffen habe. Ich habe lange gerechnet und schließlich hohe vierstellige Beträge hin und hergeschoben.
Zu meinem Glück kam kürzlich die XT-3 raus, was den Preisverfall der XH-1 erklärt.

Fujifilm XH-1 im Einsatz

Ich mit meinem neuen Spielzeug 🙂 Foto: Reiner Weber

Mit der Kamera habe ich das Beste aus zwei Welten: Den tiefen Handgriff und ein ähnliches Handling wie bei einer DSLR gepaart mit sämtlichen Vorteilen des spiegellosen Systems.

Was viel ausmacht: Die Filmsimulationen der Kamera. Seit ich mit Fuji fotografiere beschäftige mich intensiver mit dem, was die Kamera kann und erlebe dadurch die Fotografie anders. Ich fotografiere plötzlich vermehrt JPG, einfach weil die Ergebnisse so gut sind. Auch meine ganze HDR Fotografie tritt gerade etwas in den Hintergrund, einfach weil ich versuche, etwas minimalistischer zu fotografieren. Vielleicht ist es das Alter, oder einfach die Freude am Wandel? Keine Ahnung aber ich habe Bock, dass sich was ändert.

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